Euroforum-Konferenz in Berlin
Szenario: Zusatzbeiträge explodieren ab 2012
Mittwoch, 01. Sep 2010, 12:48
Experten befürchten eine Explosion der Zusatzbeiträge ab 2012
Seinen Berechnungen zufolge tritt aufgrund der allgemeinen Beitragerhöhungen 2011 erstmalig eine Entspannung in der Finanzierung des Gesundheitsfonds ein. Einnahmen in Höhe von rund 180 Milliarden Euro stehen dann Zuweisungen an die Krankenkassen in Höhe von 177,2 Milliarden Euro gegenüber, die Differenz von drei Milliarden Euro wird als Liquiditätsreserve einbehalten und soll den Sozialausgleich finanzieren. Die gesetzlichen Krankenkassen haben dem Rechentableau der GKV-Finanzentwicklung zufolge mit Ausgaben von 177,7 Milliarden Euro zu rechnen, statt des erwarteten Defizits von elf Milliarden Euro bleibt für 2011 dank der Beitragserhöhung und der Zusatzbeiträge lediglich ein Haushaltsloch von 500 Millionen Euro. Die Zusatzbeiträge von aktuell durchschnittlich fünf Euro werden auf unter einen Euro im Kassendurchschnitt sinken.
Kassen wollen Zusatzbeitrag vermeiden
Abgesehen von der Tatsache, dass die Versicherten die steigenden Kosten allein schultern sollen, lauert der Fehler auch im System: Die Krankenkassen versuchen aus Angst vor einer erneuten Wechselwelle um jeden Preis die Erhebung von Zusatzbeiträgen zu vermeiden. Für 2011 hat kaum eine Krankenkasse die Einführung von Zusatzbeiträgen angekündigt. Kassen, die ihn bereits von den Mitgliedern fordern, werden diesen aber voraussichtlich beibehalten.
Ab 2012 Zusatzbeiträge für alle Krankenkassen
Die gewaltige Unterfinanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung und das Haushaltsloch von elf Milliarden Euro hat Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) also vorerst verhindert, die Experten der Konferenz sahen die weitere Zukunft der gesetzlichen Krankenversicherung dennoch kritisch. Explodierende Kosten im Gesundheitswesen müssten allein durch die Zusatzbeiträge der Versicherten ausgeglichen werden, ab 2012 erwartet Wasem eine Ausgabensteigerung von rund vier Prozent pro Jahr, das entspräche 2012 schon wieder einer Finanzierungslücke von fast sechs Milliarden Euro. Die Zusatzbeiträge müssten dann im Durchschnitt sprunghaft auf fast zehn Euro steigen, selbst unter der Annahme, dass der Beitragssatz bei 15,5 Prozent konstant bliebe und der Steuerzuschuss wie geplant auf 14 Milliarden Euro ansteigt.
Düstere Prognosen nach 2014
Funktionieren kann das System Zusatzbeitrag nur, wenn ihn alle Krankenkassen gleichermaßen von ihren Mitgliedern fordern. Laut der Prognosen Wasems werden sie künftig dann kaum drum herum kommen. Schon ab 2012 werden die Krankenkassen ihren Mitgliedern den Zusatzbeitrag "verkaufen" müssen, wie Wilfried Jacobs von der AOK Rheinland-Hamburg sagte.
Für das Jahr 2014 seien gemäß GKV-Rechentableau Zusatzbeiträge von durchschnittlich 22,90 Euro und 2020 sogar schon fast 74 Euro denkbar. Angesichts von Zusatzbeiträgen in solcher Höhe beurteilt Wasem vor allem den geplanten Sozialausgleich kritisch. Dieser soll aus den Liquiditätsreserven des Gesundheitsfonds finanziert werden. Diese steigen aber nicht annähernd in demselben Tempo wie der Zusatzbeitrag: 2014 sollen die Reserven 3,1 Milliarden Euro betragen.